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Weil Wahlkampf war

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Lieber Gott mach mich taub, dass ich nicht dem Westen glaub.
Lieber Gott mach mich stumm, dass ich nicht nach Bautzen kumm.
Lieber Gott mach mich blind, dass ich nicht nach Ungarn find.
Bist du taub stumm und blind, bist du Honnis liebstes Kind.

Woanders, beim Schockwellenreiter, ist heute Nationalfeiertag-freie Zone. Dafür prägt er den Begriff des "gelungenen Abschluß der Kohlonialisierung", den widerum zu feiern ihm fernliegt - und als Dank für den Nachschub für meine Tüte mit den (be-)merkenswerten Begriffen habe ich obige Karikatur herausgesucht. "50 Jahre deutsche Frage" in Karikaturen gibt es im Haus der Geschichte.

Susanne Leinemann fragt sich, warum nur der dritte Oktober der mit Abstand müdeste Feiertag ist, den die Nation zu bieten hat. "Viele Westdeutsche haben es den DDR-Bewohnern offenbar nicht verziehen, dass sie sich im Herbst '89 anders verhielten, als das Klischee es wollte", meint sie in der Netzeitung und zeichnet ein bemerkenswertes Bild davon, warum an diesem Tag auf absehbare Zeit wohl nur die Stunde "der Sonntagsredner, ergrauten Bundesverdienstkreuzträger und bärtigen Bürgerrechtler" schlage. Link via IWT.

Unbequeme Warheiten spricht auch Ex-Kanzlerberater Horst Teltschik aus. Im Herbst 1989 habe die von Kohl geführte Regierung nicht deshalb begonnen, sich für die Einheit stark zu machen, weil es Gebot der Stunde, sondern weil Wahlkampf war: "Anlass waren nicht die Prozesse in der DDR, sondern die schlechten Umfragedaten", so Teltschik unumwunden. "Oskar Lafontaine, damals sozialdemokratischer Kandidat, machte Kanzler Helmut Kohl schwer zu schaffen. In allen Umfragen lag er monatelang haushoch vorne. Dann kam der Mauerfall und Kohl wirkte immer noch paralysiert. Die konservativ-liberale Koalition schien ihrem letzten Winter entgegen zu gehen." Was her musste, war ein Wahlkampfknüller, und so folgten historische Entscheidungen nicht aus einer Strategie heraus, sondern aus profanen Gründen: "Am Abend des 23. November 1989 wurde am Tisch des Kanzleramtes der 10-Punkte-Plan Kohls für eine 'Konföderation' beider deutscher Staaten geboren - mit dem der Kanzler fünf Tage später im Bundestag Freund und Feind überraschte und die verloren gegangene Hoheit im politischen Tagesgeschäft wiedergewann." Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Teltschik verschmitzt: "Na gut, am Ende hatten wir zehn Punkte [Vorsprung] und das war ja auch kommunikativ nicht ganz schlecht."

 
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